Sonntag, 8. August 2010

Prime Time zur Hochsaison


Illustration: Sabrina Groeschke | www.gemeinfreiheit.de

Meine Liste ist lang. Die Liste jener Orte, die ich hier absichtlich nicht „diese“ nenne, scheinen sie doch mehr im Jenseits als irgendwo anders. Denn wo, wenn nicht hier, dort, ist Normalität auf so selbstverständliche Art zu Hause, hinter Spitzenvorhängen, unter den neuen Pflastersteinen, vom Straßenrand gekehrt und mit rot-weißen Pfosten markiert. Wieso diese Perle mitteldeutschen Kurbetriebs in eine Reihe gesellen mit kruden Koryphäen meiner Erinnerung? Negotin, ein serbisches Großdorf im Dauerumbau irgendwo im bulgarisch-rumänischen Grenzgebiet, Palanga, Traditionstourismus in litauischer Leere, Bogatynia, eine Zwecksgemeinschaft aus Siedlungen rund um das Tosen von Tagebau und Kraftwerk im letzten Winkel des polnischen Dreiländerecks – und nun: Bad Düben? Fremde, Armut, ein arrogantes Kopfschütteln mit einem zugedrückten Auge westlicher Liebhaberei fürs Liebevolle? Nein, hier wird sich auskuriert. Im Zeichen von Rehabilitation und Gesundheit wird jeder Gast mit einem sächsisch-verschmitzten Lächeln versorgt, die Grillen zirpen, es wird noch selbst geschlachtet. Kein Haushalt ohne hauseigenen Kompost. Wertkauf, Konsum, keine Spur schnöder Ostalgie, hier hat Qualität ein zu Hause.
So betrete ich die Sphäre des Sonntags mit dem guten Gewissen, nichts falsch machen zu können, wo ohnehin nichts passiert. Vorbei an Mühlen, Ziegen, Bächen, die Frösche könnte ich fangen und in Gläser stecken, wie ich es aus kamellenartigen Erinnerungsträumen meiner Großeltern kenne, weiter durch Gebiete namens „Biberheidepark“, den Friedhof, auf dem die alten Steine durch neue ersetzt wurden, frisch angelegte Wege zwischen unermesslich hohen Hecken.
Was ist es nur, das die Straßen so leerfegt, in ein so benommenes Szenario versinken lässt, halb sechs Uhr abends plötzlich zu einer unerhört späten Uhrzeit macht? Ein paar Kurgäste lassen sich von ihrem ebenbürtig alten Besuch zurück ins Klinikum begleiten, ein Kleinkind mit Sonnenbrille rollt im spätmittäglichen Dunstgrau per Rad an mir vorbei. Schilder, Mülleimer, alles scheint vorbereitet für unsere Gäste, mit denen wir uns ganz wie zu Hause fühlen können.
Meine Mission heißt Eis, so habe ich mich bekehren lassen zur lokalen Ausflugsstimmung eines üblichen Sonntags. Eis, die Freude eines Sommers, die selbst in sächsischen Kurorten als Piccola Sicilia oder Amore Alberto auftritt, mit goldenen Stühlen und Spaghetti-Eis in der Tüte. Hier, an der Quelle mediterraner Lebenskunst, hier scheint sich die Ferne deutscher Gartenzäune zu tummeln: sozial sicher am Marktplatz gelegen, weht mir schon von Weitem die Ahnung um eine menschliche Ansammlung entgegen.
Wo eben noch Autos gefehlt haben, stelle ich mich plötzlich in eine Schlange. Blue Lagoon, Chili Mango, alles gibt es und natürlich mit Sahne. Selbst eine Motorradgang, die bei genauerem Hinsehen doch nur aus zwei befreundeten Pärchen in Lederanzügen besteht, macht hier Station, bevor sie weiter durch die Schönheit Sachsens düst. Ja, hier ist das Zentrum, hier pulsiert etwas, das doch nur für städtische Snobs wie mich niedlich wirkt. Die Jugendlichen von der Bank gegenüber scheinen dieser Vermutung voll Anerkennung entgegenzuglotzen.
Sechs Uhr. Das Eiscafé schließt. Der Platz leert sich. Wir gehen mit der Leere. Und mit ihr mein Glaube an Lebensglück, das pulsiert, ganz ohne Zeit und doch jenseits allen Stillstands.

Freitag, 18. Juni 2010

Gegenseitiges Glotzen, unsichtbar.


Illustration: Sabrina Groeschke | www.gemeinfreiheit.de

Wieder eine Rentnergruppe. Was sich gerade noch als merkwürdig lautes Murmeln näherte, steht plötzlich in Form einer Touristengruppe am Kopfende des Lesesaals. Rheumatische Langsamkeit und weißes Kraushaar scheinen rote Schildmützen, Regenschirme und appellhafte Ausrufe zu ersetzen – die Gruppe bleibt ganz unter sich, staunend über das, was in vermutlich jedem Lesesaal einer Universitätsbibliothek westlicher Wohlstandsstaaten zu finden ist. Fenster, Regale, Bücher, all das wird eindrucksvoll beschaut und vielleicht sogar berührt. Eine Frau setzt sich probehalber auf einen freien Stuhl, eine weitere folgt ihr. Ich erinnere mich an die bedächtige Stille in Kirchen, in denen man binnen seiner fünf Minuten touristischer Visite kurz innehält, sich setzt, um den Geist der Mauern und die Atmosphäre des Glaubens ganz wirklich und für sich und so wie man es eben macht in einer Kirche – sitzend – aufzusaugen. Authentisch. In Blümchenbluse.
Ein Mann dringt bis ans Ende des Saales vor, ein paar weitere beginnen die Regalzeilen am Rand zu durchstöbern. Wie ein Möbelstück (zum Inventar des Lesesaals gehören schließlich lesende Studenten ganz unbedingt) verharre ich in der letzten Reihe und drehe mich nicht um, als der Mann hinter mir auf und ab geht, ein Blick aus dem mit Sonnenschutz verhängten Fenster wirft und seinen Finger über den vermutlich drei zentnerschweren „Andrees Handatlas“ gleiten lässt, im Vorübergehen, leger.
Der Arbeitsplatz als Besichtigungspunkt – ein hervorragend funktionierendes Raumgefüge, das sämtliche Akteure mit eigentümlicher, doch effektiver Strategie bespielen: gegenseitiger Total-Ignoranz. Meine nach wenigstens einem verbindenden Grinsen suchenden Blicke bleiben unbeantwortet, jeder scheint seinem intellektuellen Tun unbeirrt folgen zu können. Vielleicht durchkämmten in den letzten Tagen bereits etliche Rentnergruppen die Säle, so dass geübte Leser nur mehr mit einem blasierten Seufzer auf sie reagieren können. Die Besucher versuchen sich in bibliotheks-konformer Stille – wie schön, ein weiteres Gimmick, um den Geist endloser Regalzeilen ganz zu spüren – und wandeln ebenso entzückt wie sachkundig um Tische wie zugehörigen Studenten herum. Sie scheinen schließlich ohnehin in ihre Bücher versunken.
Im allseitigen Einvernehmen verlässt die Gruppe den Raum. Sechs Stockwerke liegen unter ihr. Und hinter ihr ein kleiner Haufen vor sich hin lesender Studenten, der weiterarbeitet wie das Ticken einer Uhr: so schnell kann es nichts aus dem Rhythmus bringen, sollte es nicht um den ganz individuellen Energiespeicher gehen.

Sonntag, 13. Juni 2010

Mein erster Blog

Willkommen! – bin ich auf der ersten Ausgeburt weltweit erreichbarer Eigenkreation. Und mit mir eine nebulöse Anzahl von Lesern, Usern, Interessierten, Gelangweilten, Abhängigen und Ahnungslosen. Ich schreibe einen Blog. Weblog war sein namentlicher Uropa, ein Mischlingskind des World Wide Web und eines einfachen Logbuches. Wie so oft bei gewagten Kreuzungsversuchen, trug auch dieser die Früchte innovativer Entdeckungslust für Geschmacksabenteurer, die die Zutaten lieber schon vorher kennen: ein Tagebuch wurde geboren, ein „Journal“, mit dem extravaganten Schmankerl an Paradoxie: öffentlicher Einsehbarkeit. Was zu Großmutters Zeiten noch unterm Kopfkissen versteckt und zärtlich mit „Liebes Tagebuch“ angeredet wurde, wird nun in einem Archiv gespeichert und lässt sich mühelos neben Kuchenrezepten, Facebook-Accounts und Online-Bestellungen finden. Die traute Zweisamkeit zwischen Schreibendem und seinem stillen Gegenüber aus Papier ist damit genauso passé wie der volle Mülleimer beim 46. Versuch, einen Liebesbrief zu schreiben: auf der endlosen Party privater Gedankenproduktion sind alle eingeladen. Kommunizieren soll es, das neue Tagebuch!
Und dafür wird es am besten hübsch sortiert, nach Themengruppen, Meinungen und Erfahrungen, damit jeder schnell das findet, was mit Sicherheit für ihn dabei ist. Und durch unleserliche Handschriften muss man sich, bei aller Liebe zu Originalität, zum Glück auch nicht mehr durchkämpfen.

Los geht’s also, werde ich einer der Underdogs, die längst nicht mehr als private Schwadronöre narzisstischer Isolation belächelt werden. Bloggen heißt aktiv sein, Fakten aufdecken, sich flashmobartig als mediale Gegenwelt formieren, das Netz nutzen als weltweite Plattform allgenwärtigen Austauschs. Mit jedem Fingerschlag komme ich meiner neuen Identität näher: ich werde Zeitgenosse des Jetzt.

Die Manier bleibt dabei ganz mir selbst überlassen. Privater Exodus? Praktiziere ich nichtmal im Privaten. Eine Art Vernetzungsbörse für mich relevante Themen, ein quasi selbst geführter Newsfeed? Dafür reichen meine News wohl nicht aus. Ich müsste sie mühsam zusammensuchen, andere Blogs und virtuelle Institutionen in meine Linkliste setzen und sachlich bleiben. Interessant, nützlich, effizient und von mir sicher nach einer Woche mit einem leisen Seufzer aufgegeben.

Für was sind Blogs also da? Was könnte ich tun? Welches Blogger-Profil scheint mir angemessen, wie maßgeschneidert für meinen virtuellen Leib? Das Durchstöbern der Kollektion ödet mich bereits an – ich lese keine Blogs. Wer auch immer diesen lesen wird, ist ein anderer als ich. Schreiben werde ich ihn nur aus Gründen, die mir selbst kaum klar und wenn doch etwas peinlich sind. Ich nenne es also „Experiment“ und versuche so, mich als moderner Underdog versiert ins Internet zu schlängeln, ohne dabei plumpem Mitmachen zum Opfer zu fallen. So jedenfalls bilde ich es mir ein und bediene damit vermutlich den gleichen Narzissmus wie etliche Blogger, Profil-Pfleger und Avatare.

Ich entscheide mich für eine Mischung aus konservativer Klassik mit banalem Charme. Nichts als der dampfende Mist des Alltags soll sich hier tummeln. Nur „ich“, das werde ich nicht zugeben zu sein. Distanz nehmen heißt die Devise, dann mit dem Blick durch die Lupe durchbohren. Was sonst soll ich anstellen mit all diesen leblosen Zipfeln, die an den Rändern meiner Tage herunterbaumeln? Wie trübe Tropfen scheinen sie das Substrat eines produktiven Tagesablaufs ins Nichts hinunterziehen zu wollen. Schluss damit! Und hinein in den Blog. Die Reste der Realität, dessen, was wir erzählen „getan“ zu haben, sollten wir danach gefragt werden, dessen, was wir in Terminkalender schreiben, um die Zahlen und Kästchen zu füllen, uns zu beruhigen damit, dass wir schaffende, kreierende Wesen sind – diese Reste werden gesammelt, zusammengekehrt und als kleine Haufen neu geformt. Hier, in meinem ersten Blog.