
Illustration: Sabrina Groeschke | www.gemeinfreiheit.de
Wieder eine Rentnergruppe. Was sich gerade noch als merkwürdig lautes Murmeln näherte, steht plötzlich in Form einer Touristengruppe am Kopfende des Lesesaals. Rheumatische Langsamkeit und weißes Kraushaar scheinen rote Schildmützen, Regenschirme und appellhafte Ausrufe zu ersetzen – die Gruppe bleibt ganz unter sich, staunend über das, was in vermutlich jedem Lesesaal einer Universitätsbibliothek westlicher Wohlstandsstaaten zu finden ist. Fenster, Regale, Bücher, all das wird eindrucksvoll beschaut und vielleicht sogar berührt. Eine Frau setzt sich probehalber auf einen freien Stuhl, eine weitere folgt ihr. Ich erinnere mich an die bedächtige Stille in Kirchen, in denen man binnen seiner fünf Minuten touristischer Visite kurz innehält, sich setzt, um den Geist der Mauern und die Atmosphäre des Glaubens ganz wirklich und für sich und so wie man es eben macht in einer Kirche – sitzend – aufzusaugen. Authentisch. In Blümchenbluse.
Ein Mann dringt bis ans Ende des Saales vor, ein paar weitere beginnen die Regalzeilen am Rand zu durchstöbern. Wie ein Möbelstück (zum Inventar des Lesesaals gehören schließlich lesende Studenten ganz unbedingt) verharre ich in der letzten Reihe und drehe mich nicht um, als der Mann hinter mir auf und ab geht, ein Blick aus dem mit Sonnenschutz verhängten Fenster wirft und seinen Finger über den vermutlich drei zentnerschweren „Andrees Handatlas“ gleiten lässt, im Vorübergehen, leger.
Der Arbeitsplatz als Besichtigungspunkt – ein hervorragend funktionierendes Raumgefüge, das sämtliche Akteure mit eigentümlicher, doch effektiver Strategie bespielen: gegenseitiger Total-Ignoranz. Meine nach wenigstens einem verbindenden Grinsen suchenden Blicke bleiben unbeantwortet, jeder scheint seinem intellektuellen Tun unbeirrt folgen zu können. Vielleicht durchkämmten in den letzten Tagen bereits etliche Rentnergruppen die Säle, so dass geübte Leser nur mehr mit einem blasierten Seufzer auf sie reagieren können. Die Besucher versuchen sich in bibliotheks-konformer Stille – wie schön, ein weiteres Gimmick, um den Geist endloser Regalzeilen ganz zu spüren – und wandeln ebenso entzückt wie sachkundig um Tische wie zugehörigen Studenten herum. Sie scheinen schließlich ohnehin in ihre Bücher versunken.
Im allseitigen Einvernehmen verlässt die Gruppe den Raum. Sechs Stockwerke liegen unter ihr. Und hinter ihr ein kleiner Haufen vor sich hin lesender Studenten, der weiterarbeitet wie das Ticken einer Uhr: so schnell kann es nichts aus dem Rhythmus bringen, sollte es nicht um den ganz individuellen Energiespeicher gehen.