Willkommen! – bin ich auf der ersten Ausgeburt weltweit erreichbarer Eigenkreation. Und mit mir eine nebulöse Anzahl von Lesern, Usern, Interessierten, Gelangweilten, Abhängigen und Ahnungslosen. Ich schreibe einen Blog. Weblog war sein namentlicher Uropa, ein Mischlingskind des World Wide Web und eines einfachen Logbuches. Wie so oft bei gewagten Kreuzungsversuchen, trug auch dieser die Früchte innovativer Entdeckungslust für Geschmacksabenteurer, die die Zutaten lieber schon vorher kennen: ein Tagebuch wurde geboren, ein „Journal“, mit dem extravaganten Schmankerl an Paradoxie: öffentlicher Einsehbarkeit. Was zu Großmutters Zeiten noch unterm Kopfkissen versteckt und zärtlich mit „Liebes Tagebuch“ angeredet wurde, wird nun in einem Archiv gespeichert und lässt sich mühelos neben Kuchenrezepten, Facebook-Accounts und Online-Bestellungen finden. Die traute Zweisamkeit zwischen Schreibendem und seinem stillen Gegenüber aus Papier ist damit genauso passé wie der volle Mülleimer beim 46. Versuch, einen Liebesbrief zu schreiben: auf der endlosen Party privater Gedankenproduktion sind alle eingeladen. Kommunizieren soll es, das neue Tagebuch!
Und dafür wird es am besten hübsch sortiert, nach Themengruppen, Meinungen und Erfahrungen, damit jeder schnell das findet, was mit Sicherheit für ihn dabei ist. Und durch unleserliche Handschriften muss man sich, bei aller Liebe zu Originalität, zum Glück auch nicht mehr durchkämpfen.
Los geht’s also, werde ich einer der Underdogs, die längst nicht mehr als private Schwadronöre narzisstischer Isolation belächelt werden. Bloggen heißt aktiv sein, Fakten aufdecken, sich flashmobartig als mediale Gegenwelt formieren, das Netz nutzen als weltweite Plattform allgenwärtigen Austauschs. Mit jedem Fingerschlag komme ich meiner neuen Identität näher: ich werde Zeitgenosse des Jetzt.
Die Manier bleibt dabei ganz mir selbst überlassen. Privater Exodus? Praktiziere ich nichtmal im Privaten. Eine Art Vernetzungsbörse für mich relevante Themen, ein quasi selbst geführter Newsfeed? Dafür reichen meine News wohl nicht aus. Ich müsste sie mühsam zusammensuchen, andere Blogs und virtuelle Institutionen in meine Linkliste setzen und sachlich bleiben. Interessant, nützlich, effizient und von mir sicher nach einer Woche mit einem leisen Seufzer aufgegeben.
Für was sind Blogs also da? Was könnte ich tun? Welches Blogger-Profil scheint mir angemessen, wie maßgeschneidert für meinen virtuellen Leib? Das Durchstöbern der Kollektion ödet mich bereits an – ich lese keine Blogs. Wer auch immer diesen lesen wird, ist ein anderer als ich. Schreiben werde ich ihn nur aus Gründen, die mir selbst kaum klar und wenn doch etwas peinlich sind. Ich nenne es also „Experiment“ und versuche so, mich als moderner Underdog versiert ins Internet zu schlängeln, ohne dabei plumpem Mitmachen zum Opfer zu fallen. So jedenfalls bilde ich es mir ein und bediene damit vermutlich den gleichen Narzissmus wie etliche Blogger, Profil-Pfleger und Avatare.
Ich entscheide mich für eine Mischung aus konservativer Klassik mit banalem Charme. Nichts als der dampfende Mist des Alltags soll sich hier tummeln. Nur „ich“, das werde ich nicht zugeben zu sein. Distanz nehmen heißt die Devise, dann mit dem Blick durch die Lupe durchbohren. Was sonst soll ich anstellen mit all diesen leblosen Zipfeln, die an den Rändern meiner Tage herunterbaumeln? Wie trübe Tropfen scheinen sie das Substrat eines produktiven Tagesablaufs ins Nichts hinunterziehen zu wollen. Schluss damit! Und hinein in den Blog. Die Reste der Realität, dessen, was wir erzählen „getan“ zu haben, sollten wir danach gefragt werden, dessen, was wir in Terminkalender schreiben, um die Zahlen und Kästchen zu füllen, uns zu beruhigen damit, dass wir schaffende, kreierende Wesen sind – diese Reste werden gesammelt, zusammengekehrt und als kleine Haufen neu geformt. Hier, in meinem ersten Blog.
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AntwortenLöschenWieso Underdog? Ist es nicht toll die eigene Kunst zwanglos zu präsentieren?
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