Illustration: Sabrina Groeschke | www.gemeinfreiheit.de
Meine Liste ist lang. Die Liste jener Orte, die ich hier absichtlich nicht „diese“ nenne, scheinen sie doch mehr im Jenseits als irgendwo anders. Denn wo, wenn nicht hier, dort, ist Normalität auf so selbstverständliche Art zu Hause, hinter Spitzenvorhängen, unter den neuen Pflastersteinen, vom Straßenrand gekehrt und mit rot-weißen Pfosten markiert. Wieso diese Perle mitteldeutschen Kurbetriebs in eine Reihe gesellen mit kruden Koryphäen meiner Erinnerung? Negotin, ein serbisches Großdorf im Dauerumbau irgendwo im bulgarisch-rumänischen Grenzgebiet, Palanga, Traditionstourismus in litauischer Leere, Bogatynia, eine Zwecksgemeinschaft aus Siedlungen rund um das Tosen von Tagebau und Kraftwerk im letzten Winkel des polnischen Dreiländerecks – und nun: Bad Düben? Fremde, Armut, ein arrogantes Kopfschütteln mit einem zugedrückten Auge westlicher Liebhaberei fürs Liebevolle? Nein, hier wird sich auskuriert. Im Zeichen von Rehabilitation und Gesundheit wird jeder Gast mit einem sächsisch-verschmitzten Lächeln versorgt, die Grillen zirpen, es wird noch selbst geschlachtet. Kein Haushalt ohne hauseigenen Kompost. Wertkauf, Konsum, keine Spur schnöder Ostalgie, hier hat Qualität ein zu Hause.
So betrete ich die Sphäre des Sonntags mit dem guten Gewissen, nichts falsch machen zu können, wo ohnehin nichts passiert. Vorbei an Mühlen, Ziegen, Bächen, die Frösche könnte ich fangen und in Gläser stecken, wie ich es aus kamellenartigen Erinnerungsträumen meiner Großeltern kenne, weiter durch Gebiete namens „Biberheidepark“, den Friedhof, auf dem die alten Steine durch neue ersetzt wurden, frisch angelegte Wege zwischen unermesslich hohen Hecken.
Was ist es nur, das die Straßen so leerfegt, in ein so benommenes Szenario versinken lässt, halb sechs Uhr abends plötzlich zu einer unerhört späten Uhrzeit macht? Ein paar Kurgäste lassen sich von ihrem ebenbürtig alten Besuch zurück ins Klinikum begleiten, ein Kleinkind mit Sonnenbrille rollt im spätmittäglichen Dunstgrau per Rad an mir vorbei. Schilder, Mülleimer, alles scheint vorbereitet für unsere Gäste, mit denen wir uns ganz wie zu Hause fühlen können.
Meine Mission heißt Eis, so habe ich mich bekehren lassen zur lokalen Ausflugsstimmung eines üblichen Sonntags. Eis, die Freude eines Sommers, die selbst in sächsischen Kurorten als Piccola Sicilia oder Amore Alberto auftritt, mit goldenen Stühlen und Spaghetti-Eis in der Tüte. Hier, an der Quelle mediterraner Lebenskunst, hier scheint sich die Ferne deutscher Gartenzäune zu tummeln: sozial sicher am Marktplatz gelegen, weht mir schon von Weitem die Ahnung um eine menschliche Ansammlung entgegen.
Wo eben noch Autos gefehlt haben, stelle ich mich plötzlich in eine Schlange. Blue Lagoon, Chili Mango, alles gibt es und natürlich mit Sahne. Selbst eine Motorradgang, die bei genauerem Hinsehen doch nur aus zwei befreundeten Pärchen in Lederanzügen besteht, macht hier Station, bevor sie weiter durch die Schönheit Sachsens düst. Ja, hier ist das Zentrum, hier pulsiert etwas, das doch nur für städtische Snobs wie mich niedlich wirkt. Die Jugendlichen von der Bank gegenüber scheinen dieser Vermutung voll Anerkennung entgegenzuglotzen.
Sechs Uhr. Das Eiscafé schließt. Der Platz leert sich. Wir gehen mit der Leere. Und mit ihr mein Glaube an Lebensglück, das pulsiert, ganz ohne Zeit und doch jenseits allen Stillstands.