Montag, 17. Januar 2011

Gusto. Glaube. Grenzenlos.

Niemand weiß, wie Laufstege funktionieren, so sagt man. Uneitel ein jeder, bescheiden, beschäftigt mit Problemzonen und privaten Phantasien über ein schöneres Selbst, das sich glänzend in all diese Attribute einer geglückten Selbstverwirklichungsstrategie hinein- und aus ihnen herausschälen kann. Klamotten sind was für Mädchen, Metrosexuelle und Möchtegernkünstler, Stil nichts als heißer Dunst, denn wer ihn hat, dem wurde er in die Wiege gelegt. Berlin Mitte? Mit einem müden Lächeln.

Was also suche ich ausgerechnet dort, im Schoße einer alles absorbierenden Avantgarde? Unter dem Vorwand eines Haarschnitts begebe ich mich in den Sog aus Espressi und Extraklasse und begreife nun, dass es mir nur nicht nur auf das Resultat sauber geschnittener Haare ankommt - ich will es spüren. Ich will es sein. Einen Tag lang. Denn während ich in Neukölln irgendwo zwischen Galerie, Gentrifizierung und Ghetto umherziehe, bietet mir Mitte in aller Klarheit und Offenheit vor allem eines: den Catwalk.

Was gerade noch als verächtliches Stöhnen über meine Lippen kam, verwandelt sich im Handumdrehen in ein leichtes Lächeln, fange ich erst einmal an, daran zu glauben. Warum nicht? Sehe ich nicht ohnehin längst danach aus? Schmecken mir Panini etwa nicht? Die Umkleidekabine lockt. Und mit jeder weiteren Anprobe steigt die Lust nach mehr, nach purem Individualismus, nach zügelloser Zugehörigkeit zum Stil in Berlin, immer weiter wächst die Einsicht, dass mein Körper meine Seele füllen kann damit, indem er hineinpasst, sich darin drehen und wenden, anschauen und beglückwünschen kann, je souveräner desto besser. Wunderschön. Ich passe.

Äußerlichkeiten gibt es nicht, nicht heute. Ich betrete Foto-Fachgeschäfte, Buchläden und esse schmelzendes Sinnesvergnügen in der Waffel, während ich mich irgendwie beeilen sollte – die Theaterpremiere wartet. Denn ich habe Glück. Oder eine EC-Karte.

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